Vorschau 2019

24. Hallesche FrauenKulturTage

 vom 25. Oktober bis 10. November 2019

„Wir haben die Wahl“ – Selbstbestimmtheit und Kreativität

Im Jahr 1918 wurde das aktive und passive Wahlrecht für Frauen legalisiert, im Dezember 1918 konnten Frauen in Sachsen – Anhalt zum ersten Mal wählen und sich wählen lassen und im Jahr 1919 wurde dieses Recht deutschlandweit von den Frauen in Anspruch genommen. Diesem Wahlrecht war ein langer Kampf der Frauenrechtlerinnen der 1. Generation vorausgegangen. Ein weiterer wesentlicher Meilenstein im Gleichstellungskontext war die Verankerung des Gleichstellungsgrundsatzes „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ im Grundgesetz der BRD (1949) im Artikel 3, Absatz 2. Gleichlautend wurde dieser Grundsatz auch im Artikel 7, Absatz 1, 1949 in die DDR-Verfassung aufgenommen.

Tragenden Anteil an der Legalisierung des Gleichstellungsgrundsatzes hatten in der BRD die „Mütter des Grundgesetzes“ Frieda Nadig, Elisabeth Selbert, Helene Weber und Helene Wessel. Im Verfassungsausschuss der DDR saßen die spätere Justizministerin Hilde Benjamin und Charlotte Bahr. Wie hoch der Anteil dieser beiden Frauen an der Aufnahme dieses Passus in die DDR-Verfassung war, das ist noch nicht über einen historisch-kritischen Nachweis verifiziert. Gut belegt dagegen ist, dass die Formulierung des Gleichstellungsgrundsatzes für die BRD den Müttern des Grundgesetzes zu danken ist, nicht nur durch ihre Arbeit im Parlamentarischem Rat, sondern auch durch ihre Fähigkeit, eine breite öffentliche überparteiliche Kampagne zu initiieren, die dann zur Aufnahme der Formulierung „Frauen und Männer sind gleichberechtigt“ ins Grundgesetz führten. Ergänzend sei noch darauf hingewiesen, dass 1993 im Zuge der Wiedervereinigung der Artikel 3 Absatz 2 GG ergänzt wurde durch den Zusatz „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Auch diese Ergänzung ist vor allem dem öffentlichen Druck zu verdanken, der durch überparteiliche Bündnisse aus Ost und West und vor allem von verschiedenen Frauenorganisationen, -initiativen und –verbänden erzeugt wurde.

Frauen der Gegenwart in Deutschland haben durch das politische gesellschaftsverän-dernde Engagement unserer Vorfahrinnen und Vorgängerinnen alle Möglichkeiten von selbstbestimmten, gesellschaftlich akzeptierten und juristisch legalisierten Wahlmöglich-keiten für einen individuellen Lebensentwurf ihrer eigenen Bestimmung. Natürlich bedeutet das nicht, dass es hier noch viele Baustellen gibt, das wesentlich Wichtige aber ist, dass die verschiedensten Formen der Lebensführung gesellschaftlich akzeptiert und juristisch gegründet sind. Dies ist, historisch gesehen, eine einmalige Situation, es ist ein Schatz für Frauen, den es in den bekannten historischen Epochen nicht einmal ansatzweise gegeben hat – Frauen waren über den langen Zeitraum der historisch überlieferten Geschichte als defizitär bestimmte Wesen in der Regel von jeder gesellschaftlichen Gestaltungsform ausgeschlossen. Erst seit hundert Jahren, ausgeschlossen die Zeit des Nationalsozialismus, haben alle Frauen die legalisierte juristische und im sozialen Konsens bestätigte Möglichkeit, aktiv gestaltend und verändernd an gesellschaftspolitischen Prozessen teilzunehmen und teilzuhaben. Deshalb ist für uns diese Aussage „Wir haben die Wahl – „ in höchstem Maße politisch und mit hohem eigenverantwortlichem Potential und Anspruch verbunden.

Mit unseren Veranstaltungen der verschiedensten Formate wollen wir darauf hinweisen, wie wesentlich es für das selbstbestimmte, unabhängige Leben von Frauen in unserem Land ist, diese unverzichtbaren und historisch so großartigen Rechte und Wahlmöglichkeiten zu nutzen, sie zu verteidigen, weiterhin an ihrer umfassenden Durchsetzung und Verbesserung mitzuarbeiten. Und ein ganz wesentliches Anliegen ist es uns auch, dezidiert darauf hinzuweisen, dass diese Wahlmöglichkeiten – individuell und politisch –  seit 100 Jahren überhaupt erst möglich sind und ein hohes Gut darstellen, dessen Frauen sich bewusst sein sollen. Im Grunde genommen ist dieser Zeitraum ein Fingerschnipsen in der Weltgeschichte und die Rechte kein Selbstverständnis, sondern hart errungen. Vielfach hat man den Eindruck, dass gerade jüngere Frauen die Vorstellung haben, Gleichstellung sei ein Naturrecht, das prinzipiell vorhanden ist.

Wir werden in einer Reihe von Veranstaltungen die verschiedenen individuellen Lebensformen für und von Frauen vorstellen, auf Potentiale, Einschränkungen, Verbesserungsmöglichkeiten aufmerksam machen. Weiterhin soll politisch aktives, gestaltendes Handeln als Wahlform für den eigenen Lebensentwurf und verantwortungsvolles Handeln für eine entdiskriminierte Gesellschaft herausgestellt werden. Denn es ist zwingend notwendig und unverzichtbar, die Errungenschaften von zähem, engagiertem gleichstellungspolitischem Handeln zu schützen und weiter auszubauen. Wir wenden diese Schwerpunkte auf weibliche Lebensmodelle und –formen in unserer Gesellschaft und Kultur an, die Frauen ein breites Spektrum Wahlmöglichkeiten bietet, selbstbestimmt und kreativ die eigene Lebensgestaltung in die Hand zu nehmen.

Wir wollen die Vielfalt und Heterogenität zwischen Normativität und alternativen Lebenskonzepte betrachten, als da sind: Ehe, Einelternfamilien, Partnerschaft mit gemeinsamen Wohnsitz oder getrennt lebend, dies alles in hetero ober lesbischen Beziehungen, ebenso die freie Entscheidung für Kinder oder Verzicht auf Kinder, es gibt Arbeitskooperativen, KünstlerInnenkolonien, Wohnkommunen, Ökodörfer. Die verschiedenen Lebenskonzepte bekommen durch die Migrationsprozesse noch einen weiteren Aspekt, der im Blick auf die kulturelle Vielfalt und das interkulturelle Zusammenleben mitgedacht werden muss.

Ziel der inhaltlichen Auseinandersetzung ist es, über Angebote im sozio-kulturellem Bereich wesentliche Impulse zu setzen, sich der Exklusivität der Lebensmöglichkeiten von Frauen in unserer demokratischen Gesellschaft im Vergleich zu den Situationen von Frauen weltweit bewusst zu sein und gemäß der 68ziger Maxime – das Private ist politisch – private Selbstbestimmtheit kreativ – politisch einzufordern, um- und einzusetzen und das auch mit Blick auf prekären Lebenssituationen von Frauen weltweit.

 

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